Meinung

Der Bolzplatz Seligenstädter Straße und das Fehlen des gesunden Menschenverstands

In Rödermark gibt es zu wenig Plätze, wo sich Jugendliche ungestört aufhalten können. Einer der wenigen Plätze, wo dies möglich ist, ist der Bolzplatz an der Seligenstädter Straße in Ober-Roden. Dort gibt es einen Hartplatz mit 2 Toren und Ballfangzäunen. Was es nicht gibt, sind Sitzgelegenheiten, Ablagemöglichkeiten, Plätze für Zuschauer. Auch ist die Oberfläche des Platzes in die Jahre gekommen und nicht mehr ideal zum Fußballspielen. Weiterhin fehlt im Stadtteil Ober-Roden ein öffentliches Basketballfeld.

Die Stadtverordnetenversammlung hat daher am 6. Dezember 2021 beschlossen: „Der Bolzplatz auf der Städtischen Liegenschaft in der Seligenstädter Straße ist grundsätzlich aufzuwerten. Der Magistrat wird beauftragt hierzu ein Konzept vorzulegen.“

Da bis September 2022 hierzu keine neuen Informationen eingegangen sind, hat die FDP-Fraktion per Anfrage nach dem Sachstand gefragt. Die Antwort des Magistrates der Stadt Rödermark kann hier nachgelesen werden.

Diese Antwort des Magistrates verdeutlicht ein Dilemma in der Politik. Entweder macht sich die Verwaltung nicht die Mühe, die Intention des Antrags zu verstehen. Oder man will nicht tätig werden und rechnet die Kosten kreativ-künstlich hoch, in der Hoffnung, dass zu hohe Kosten das ungewollte Projekt zum Kippen bringen werden.

Als wir die durch den Bürgermeister vorgetragene Antwort vernommen haben, war unsere erste Reaktion: jetzt haben sie völlig den Realitätssinn verloren. 360.000 € für einen Mini-Bolzplatz von 700 qm? Geht’s noch?

Ich möchte einmal kurz darlegen, was sich die FDP-Fraktion vorgestellt hat, als sie dem Antrag zugestimmt hat. Wir haben hier ein städtisches Grundstück von 2.519 qm Größe – 125 m lang und 20 m breit. Gut, nicht alles ist nutzbar, denn einige 100 qm sind Parkflächen an der Seligenstädter Straße, auch der Bürgersteig gehört zu dieser Fläche, im nördlichen Bereich liegt eine erhaltenswerte Buschgruppe. Aber rund 1.500 qm sind prinzipiell nutzbar. Die Ziele waren Sitz- und Ablagegelegenheiten (für Taschen, Rucksäcke, Kleidung etc.), erreichbar durch Bänke, Tische und Findlinge einmal im Randbereich des aktuellen Bolzplatzes  und einmal auf der aktuellen Brache südlich des Bolzplatzes, einer überdachten Sitzgruppe als Regenunterstand (in der Lücke zwischen Bolzplatz und Buschgruppe), mehr Beschattung (was auf der Spielfläche extrem schwierig ist, weil Bäume hier stören), ein Basketballfeld (auch das hätte auf der südlichen Brache neben der Buschgruppe, dort wo heute der Erd- und Steinablageplatz der Stadt ist, Platz) sowie eventuell ein paar festinstallierte Fitnessgeräte (Calisthenics, gegenüber des Spielplatzes). Dazu sollte man sich die Bodenbeschaffenheit des Bolzplatzes anschauen, eventuell Steine und störenden Pflanzenbewuchs inkl. Wurzeln aus der oberen Bodenschicht entfernen und den Boden im Anschluss wieder verdichten und einebnen. Mülleimer wären nicht verkehrt und wenn noch Geld übrig ist, wäre eine Beleuchtung des Basketball-Courts angebracht, damit man ihn auch in den Abendstunden noch nutzen kann. Eine grobe Übersicht, wie wir uns das vorstellen könnten, zeigt die nachfolgende Skizze.

Was könnte das kosten? Bänke, Tische, Findlinge: 5-10 T€, Herrichten der Spielfläche des Bolzplatzes: 5-10T€, überdachte Sitzgelegenheit: 10-15T€, Calisthenics-Geräte: 15-25T€, Streetball-Feld inkl. Einzäunung: 60-80T€. Dazu ein bisschen Grünschnitt, Bodenvorbereitungen etc. sowie die Kosten für den naturschutzrechtlichen Ausgleich für die Versiegelung im Bereich des neuen Basketballfeldes (15-20T€), d.h. für 110.000-150.000 € wäre nach unseren Kostenschätzungen eine optimale Aufwertung der Fläche erreichbar. Das wäre es uns der Mehrwert für die Jugend auch wert.

Wenn man dies jetzt vergleicht mit der Kostenrechnung der Stadt, fällt einem zuerst auf, dass von Sitzgelegenheiten, Ablageflächen und Beschattungen, von einer Ausnutzung der restlichen Fläche nicht die Rede ist, das Hauptthema also verfehlt ist. Dann soll der Bolzplatz geteilt werden in ein Fußballfeld 15 x 30 m (was wirklich klein ist) und ein Kleinfeld-Streetballfeld und ein langlebiger Kunststoffbelag verlegt werden. Liebe Leute, wir sprechen von einem Bolzplatz! Wer Fußball auf einem Hightech-Platz spielen will, soll sich bei einem Verein anmelden und die dortigen Plätze nutzen. 200 m weiter bei der TS gibt es einen solchen Soccercourt mit Kunstrasenbelag (siehe Foto).

Ein Bolzplatz ist entweder blanker Boden oder ein rudimentärer Grasboden. In den 70er Jahren habe ich selbst auf Brachgrundstücken gekickt, man hat die störenden Grasbüschel rausgerissen, störende Steine entfernt und alles plattgetreten – fertig! Als städtische Fläche sollte dieser Bolzplatz möglichst eben sein und keine Gefahrenstellen, also Steine im Untergrund aufweisen. Aber doch keinen Kunststoffspielbelag, der wieder Fläche versiegelt! Da braucht es auch keine Entwässerungsrinnen. Wenn es stark regnet, ist der Platz eben unbespielbar. Und vor allem: wozu brauche ich hier bitte schön Planungskosten von 40.000 €? Für was? Wenn ich doch weiß, was ich haben will und wo es hin soll, dann kann ich doch auch direkt die ausführende Firma beauftragen, es zu tun!

Der heutige Bolzplatz
In der Mitte stört der Pflanzenbewuchs

Damit der Verkehr nicht gefährdet wird und die Nutzer der Sportfelder nicht ständig in die Brache laufen müssen, um Fehlschüsse oder -würfe einzusammeln, sind hohe Ballfangzäune sinnvoll. Aber müssen 135 m Ballfangzaun wirklich 113.000 € kosten? Muss es zu allen Seiten ein Metallzaun sein oder tut es ein Ballfangnetz nicht auch? 135 m Ballfangzaun 6 m hoch mit Metallpfosten und PP-Netzen kosten weniger als 15.000 € in der Anschaffung. Müssen es überall 5 oder 6 m Höhe sein? Was ist mit dem vorhandenen Zaun? Was ist an dem verkehrt? Muss der zwingend erneuert werden? Für weniger als 5.000 € bekommt man einen höheren Netzfangzaun Richtung TS-Sportgelände und könnte das heutige, recht niedrige Provisorium ersetzen.

Bisheriger Ballfangzaun

Ich blicke kurz in die Zukunft: Was wird die Antwort der Stadt sein, wenn sie den von mir skizzierten Gegenvorschlag liest? „Eine Ausweitung der Fläche lässt der Bebauungsplan nicht zu, da der Bereich südlich des Bolzplatzes bis zum Kinderspielplatz für eine Lärmschutzhecke vorgesehen ist.“ Auch hier muss man deutlich sagen: der Bebauungsplan ist seit 30 Jahren gültig, die Hecke wurde 30 Jahre lang nicht angelegt, das kann doch kein ernsthaftes Argument sein. Zurzeit nutzt die Stadt diese Fläche zur Ablagerung von Erde und Steinen aus Baustellen. Da würde sogar der notwendige naturschutzrechtliche Ausgleich für den neuen Streetballcourt vergleichsweise gering aus. Im Zweifel ändern wir den Bebauungsplan an dieser Stelle ab oder bemühen uns als Stadt, das Nachbargrundstück zu kaufen. Dort gibt es nämlich bzgl. Sportanlagen schon heute keinerlei Einschränkungen. Um der von der Politik seit Jahrzehnten vernachlässigten Jugend einen Platz mit guter Aufenthaltsqualität anbieten zu können, wäre die FDP sicherlich bereit, das hierzu benötigte Geld in die Hand zu nehmen.

Hier wäre Platz für ein Basketballfeld
Blick in Richtung Kinderspielplatz: Keine Lärmschutzhecke vorhanden

Die benachbarte Turnerschaft (TS) hat vor über 10 Jahren einen 5.300 qm großen Kunstrasenplatz und einen kleinen Kunstrasensoccercourt (vergleichbar mit dem neuen Bolzplatz) für 550.000 € hinbekommen. Für die komplette Neuanlage einer Rasenfläche inkl. Rasenheizung (8.500 qm) zahlte ein Bundesligist vor kurze 1,5 Mill. € und in Rödermark soll die Aufwertung von 700 qm Bolzplatz 360.000 € kosten? Es bleibt nur Kopfschütteln und Ratlosigkeit.

Hier könnte die überdachte Schutzhütte stehen …
… und hier eine Sitzgruppe.

Dieser Beitrag stellt eine persönliche Meinung des FDP-Stadtverordneten Dr. Rüdiger Werner dar.